COMPUTER UND KUNST

(Übersetzung der englischen Version 3.2 vom 17. Mai 2001; Version 1.5 vom 29. Juni 2001)

Valdemar W. Setzer
vwsetzer@ime.usp.br - www.ime.usp.br/~vwsetzer
Institut für Informatik, Universität São Paulo, Brasilien

KURZFASSUNG

In diesem Aufsatz, der auf einem Vortrag basiert, der im April 1996 am Museum für zeitgenössische Kunst der Universität São Paulo, Brasilien, gehalten wurde, behandeln wir die Rolle des Computers als Werkzeug des künstlerischen Schaffens. Um diese Maschine vom richtigen Blickwinkel aus zu betrachten, ist es zuerst notwendig, kurz zu kennzeichnen, was sie ist und wie sie Informationen verarmt, die sie verarbeitet. Dann fahren wir fort, eine kurze Charakterisierung der Kunst zu geben und sie mit den technischen Wissenschaften zu vergleichen. Wir untersuchen die Wege auf welchen Computer als Werkzeuge der Kunst benutzt werden, um festzustellen, in welchen Bereichen der Kunst es berechtigt ist, Computer zu benutzen. Nach einem kurzen Exkurs in das Gebiet des Kunstunterrichts, schließen wir mit Erwägungen des Unterrichts in Hinblick auf Soziales Verhalten und die Rolle der Kunst und des Computers in diesem Prozess.

1. Einleitung

Wie wir sehen werden, ist der Computer eine abstrakte Maschine. Daher scheint es selbstverständlich zu sein, dass die Kunst ihn als Werkzeug verwendet hat, da die moderne Kunst sich im allgemeinen vom Bereich der Gefühle, ausgedrückt durch symbolische Kunst oder durch abstrakte Kunst mit ästhetischer Empfindung, entfernt hat. Dies hat dazu geführt, künstlerische Aktivitäten in hohem Ausmaß auf dem abstrakten und formalen Denken zu gründen, im Versuch, sie näher an technisch-naturwissenschaftliches Arbeiten - welche im 20. Jahrhundert soviel offensichtlichen Erfolg gebracht hat - heranzuführen. Ein Buch eines Kollegen an meiner Universität deckt sehr gut diese Tendenz auf: Komponist Correa de Oliveiras Beethoven - der Inhaber eines Gehirns (in Portugiesisch, São Paulo: Editora Perspectiva, 1979). Er verwendete nicht die Worte "... eines Herzens", oder zumindest von beiden - er war hauptsächlich an den formalen Aspekten, die sich in der Musik Beethovens finden und soeben vom Komponisten aus Bonn "berechnet" wurden, interessiert. Übrigens machte er einen Fehler, denn nach dem gegenwärtigen Wissen über unser Gehirn darf nicht geschlossen werden, dass irgendeine geistige Aktivität, noch weniger Kreativität, vom Gehirn ausgeht. Wir sehen, wie der Computer ein ideales Werkzeug für die Entwicklung dieser Tendenz, Kunst technisch-naturwissenschaftlich zu betrachten, ist. Wir müssen mit einer kurzen Beschreibung dessen, was ein Computer ist, anfangen.

2. Der Computer

Jede Maschine, die nicht ein Computer ist, hat als ein Hauptziel Materie oder Energie umzuwandeln, zu transportieren oder zu speichern. Z.B. ist der Zweck einer elektrischen Drehbank, ein Stück Holz oder Metall in ein Objekt mit kreisförmigen Ausschnitten umzuwandeln; der, eines Autos, Waren oder Menschen zu transportieren und der, einer Batterie, elektrische Energie zu speichern. Sogar Maschinen in der Art von "Prothesen", wie Teleskope, wandeln, das Bild vergrößernd, Lichtenergie um.

Andererseits führt ein Computer auch jene drei Tätigkeiten aus, nicht mit Materie oder Energie, sondern mit Daten. Beachten Sie, dass wir das Wort "Daten" und nicht "Information" verwenden. Wir definieren Daten als eine quantifizierte oder quantifizierbare symbolische Beschreibung durch Text, Figur, Ton oder Animation [15]. Information ist eine Beschreibung oder Abstraktion die für irgendeine Person eine Bedeutung hat. Nicht jede Information kann durch Daten repräsentiert werden. Tatsächlich können die Sympathie oder die Antipathie, die wir gegenüber einer anderen Person hegen, als eine Information über sie und über uns selbst persönlich angesehen werden. Dennoch ist es unmöglich, solch ein subjektives Gefühl genau zu beschreiben (dessen innere, ausschließlich persönliche Erfahrung vollkommen verschieden von jeder möglichen Beschreibung ist). Was mit einem Computer getan werden kann ist, eine mündliche Beschreibung dieser Gefühle zu speichern; diese selbst würde eine Verarmung der letzteren darstellen und würde sich nicht wesentlich von irgendeiner anderen gedruckten Aufzeichnung unterscheiden. Aber wenn es gewünscht wird, diese zu verarbeiten, das heißt, durch die Maschine umwandeln zu lassen, müssten diese als formales Symbol behandelt werden, z.B. indem eine Abstufungsskala eingeführt wird, von -3 (sehr antipatisch) bis zu +3 (sehr sympathisch) - die einen "exakten" Vergleich von "Sympathien", die Berechnung von "durchschnittlichen Sympathien ", usw. ermöglicht. Offensichtlich bedeutet diese Darstellung eine noch weitere Verarmung der ursprünglichen Information. Es ist interessant zu beobachten, dass Computer lediglich syntaktische Maschinen sind, wobei alle Daten - und Programme - in einer rein formalen, strukturellen Weise ohne jegliche Semantik beschrieben werden.

Es ist wichtig, hier eine notwendige Unterscheidung zwischen der Speicherung von Texten, Bildern und Tönen, die bloß reproduziert werden - unter Umständen mit irgendeiner Editierung ihrer Darstellung (z.B. Texteinrückung, Kontrastierung in den Abbildungen, Filterung von Geräuschen) - und der Datenverarbeitung zu treffen. Wir sehen letztere als Bearbeitung von Daten an, indem deren Inhalt, d.h. die Semantik, die wir mit ihnen verbinden, transformieren. Beachten Sie, dass die Nr. 2000, irgendwo in einem Computer gespeichert, sogar durch räumliche Nähe oder durch "Zeiger" (Speicheradressen) mit Textstücken wie "Gehalt" und "Maria" verbunden, dem Computer absolut nichts bedeutet; er stellt klarerweise keine Verbindung her zwischen jenen zwei Zeichenketten und was sie in der "realen" Welt darstellen. Maria könnte ein Namensschild mit einem Signalgeber tragen, also könnte der Computer sie (z.B. im futuristischen Haus des Bill Gates) lokalisieren, und sie von anderen Menschen "unterscheiden"; dennoch bedeutet es, dass Maria nicht in den Computer eingefügt werden kann. Man vertausche nur die Namensschilder zwischen Menschen und sehe, was geschieht - würden wir Menschen nicht unsere Bekannte Maria erkennen? Und selbst wenn ein Mustererkennungssystem das Gesicht von Maria mit irgendeinem anderem ihrer gespeicherten Merkmale verbinden könnte, müssen alle Merkmale in formal-symbolischen Weise im Computer dargestellt werden, die zweifellos nicht unserer nicht-formalen Weise entspricht. Außerdem würde der Unterschied unüberwindbar sein, wenn Rudolf Steiner recht hat, und Menschen ihr Denken als nicht-physische Brücke zwischen ihren inneren Vorstellungen und einer Platonischen, Goetheanistischen, nicht-körperlich vorhandenen Welt der Ideen [18] gebrauchen, wie wir später noch ausführen werden. Einige Beispiele solcher Transformationen durch Computer sind Textübersetzungen zwischen (natürlichen) Sprachen, Ableitungen stilistischer Eigenschaften, Generierung von Zeichnungen durch Programme wie von Fraktalen her weit bekannt, usw.

Eine unserer Thesen ist, dass Datenverarbeitung auch Informationen verarmt. Daten haben nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Sie sind symbolische Darstellungen von symbolisch-logischen, abstrakten Gedanken und als solche brauchen sie keine physische Konsistenz zu haben; sie mögen schließlich auch mentale Modelle irgendeiner Wirklichkeit sein - aber sie sind nie Wirklichkeit selbst. Beachten Sie, dass das gegenwärtige Wissen über Denkprozesse es nicht gestattet zu sagen, dass sie lediglich physische Prozesse sind; höchstens weiß man, dass bestimmte Bereiche des Gehirns durch bestimmte Arten von Gedanken, Gefühlen und Willensimpulsen aktiviert werden, aber es ist nicht möglich zu behaupten dass Neuronen, oder welche physischen Elemente oder Prozesse auch immer, diese inneren Aktivitäten sowie Bewusstsein und noch weniger Selbstbewusstsein erzeugen. Es ist möglich zu mutmaßen, dass neuronale Aktivitäten eine Konsequenz dieser Seelenaktivitäten, d.h. nicht-physischer Aktivitäten, sind, ohne gegenwärtigem wissenschaftlichen Wissen zu widersprechen (wir beziehen uns hier nicht auf Beurteilungen durch Wissenschaftler). Lassen Sie uns noch genauer sein, und feststellen, dass unterhalb einer bestimmten unscharfen Grenze der Kleinheit, sogar Materie selbst mutmaßlich eine nicht-körperliche "Beschaffenheit" hat; dies würde erklären, warum es notwendig ist, die Eigenschaften der atomaren und subatomaren Partikel lediglich durch mathematische (das heißt mentale, nicht-physische) Modelle auszudrücken, die keine klassische Begrenzung haben, wie in der Quantenmechanik. In anderen Worten, wir können sie durch unsere tägliche Erfahrung des Physischen nicht begreifen, oder, sie "haben (physisch) keinen Sinn". In dieser unscharfen Grenze könnte die nicht-physische Welt sehr wohl die physische und umgekehrt beeinflussen. Wir sind uns sicher, dass diese Hypothese ein enormes Forschungsfeld öffnen würde, und es ist Schade, das der hauptsächlich seit dem letzten Jahrhundert im wissenschaftlichen Denken vorherrschende Materialismus die Formulierung solcher nicht-physischer Hypothesen und deren Forschung verhindert. Die Entdeckung, dass Quarks, die angenommenen Bausteine der Materie, letztlich in grundlegendere Partikel zerlegt werden können, hat zu der Mutmaßung geführt, dass wir nie wissen werden, was Stoff wirklich ist (das heißt, mit den gegenwärtigen wissenschaftlichen Methoden, und wir hoffen, dass diese Resultate einige Physiker veranlassen, ihre Ansicht in dieser Sache zu ändern). Für uns ist dies immer klar gewesen, weil vom materiellen Gesichtspunkt aus Materie keinen Sinn hat, genauso wie ein materieller Ursprung für das Universum und seine materiellen Grenzen nicht sinnvoll sind. Es wird notwendig sein, die gegenwärtige wissenschaftliche Methode zu ändern, um zu einem Wissen über diese und anderen grundlegenden Fragen wie Leben, Bewusstsein (welches vor kurzem ein heißes Forschungsthema wurde, aber unveränderlich durch eine materialistische Optik), Schlaf, Tod usw. zu gelangen.

Übrigens ist es genau die Imponderabilität der Daten und ihrer Fremdheit in bezug auf die physische Welt, die es möglich macht, Computer immer kleiner und kleiner zu bauen. Dies kann nicht mit irgendeiner anderen Art Maschine geschehen, die in dieser Welt wirkt. Tatsächlich kann die letztere als konkret charakterisiert werden. Andererseits sind Computer mathematisch, und dadurch abstrakte, virtuelle Maschinen. Folglich muss jegliche Datenverarbeitung ausschließlich formale Gedanken einsetzen (das heißt, jene Gedanken, die keine direkte Verbindung zu irgendeiner externen Wirklichkeit haben, die keine subjektive Interpretation haben, usw.), ausgedrückt in der Form von Computerprogrammen. In ihrer Art extrem einschränkend und einseitig, schränkt diese logisch-symbolische Verarbeitung den Bereich der Informationsbearbeitung ein. Wie wir gesehen haben, ist es erforderlich, dass Informationen in Form von Daten ausgedrückt werden. Solche Beschränkungen sind sogar mathematisch: es ist nicht möglich, in einem Computer die Begriffe der Unendlichkeit, der Kleinstheit und des Kontinuums darzustellen, sondern nur näherungsweise.

Die Charakterisierung eines Computers als abstrakte Maschine wird noch klarer, wenn man beobachtet, dass jede mögliche Programmiersprache ausschließlich formal ist, d.h. sie völlig mathematisch beschrieben werden kann. Außerdem kann das logische Arbeiten eines Computers auch durch logisch-mathematische Formulierungen ausgedrückt werden. Maschinen anderer Arten haben nicht diese Eigenschaft, denn sie bearbeiten direkt die Materie (einschließlich Energie), und entziehen sich folglich einer völlig mathematischen Beschreibung.

Aber nicht nur Programmiersprachen sind formal. Jede mögliche Kommandosprache, auch eine mit graphischen Symbolen, die den Benutzer ermöglicht irgendeine Software zu bedienen, ist mathematisch formal. Zum Beispiel führt irgendein Befehl eines Textverarbeitungsprogramms, wie z.B. der, eine bestimmte Einrückung zu produzieren, zu Aktionen des Computers, die als mathematische Funktion beschrieben werden können, die auf den Text - als formale Zeichenkette betrachtet - oder den mathematisch definierten Maschinenzustand angewendet werden können.

Die Folgerung ist, dass es zur Programmierung oder zur Benutzung eines Computers notwendig ist, Gedanken ausschließlich im abstrakten und mathematischen Bereich zu formulieren. Dieser Bereich erscheint zwar gar nicht mathematisch, aber tatsächlich ist er es. Man wird zu einer Fehleinschätzung verleitet, da Programmierung und vor allem Kommandosprachen sich von der traditionellen Sprache der Mathematik unterscheiden. Dies ist so, weil im Computer die eingesetzten Symbole von einer anderen Kategorie sind. Z.B., ein auf dem Bildschirm angezeigtes Symbol unterscheidet sich ziemlich von einer mathematischen Gleichung. Trotzdem werden, falls das Symbol ausgewählt wird, Aktivitäten im Computer angestoßen, die vollständig formal beschrieben werden können, d.h. es ist möglich, diesen Tätigkeiten eine mathematische Funktion zuzuordnen. Das grafische Symbol ist dann ein formales Symbol, das eine solche Funktion darstellt. Ein anderer Unterschied ergibt sich aus der Tatsache, dass der Computer es ermöglicht, die Resultate vieler der angewandten Funktionen (oder der Befehle) anzusehen.

Folglich besteht die Programmierung oder das Verwenden eines Computers durch das Auswählen von Befehlen irgendeiner Anwendersoftware ausschließlich aus mathematischen Aktivitäten, die ein abstraktes Schließen erfordert, wie es für die Rechentätigkeit oder das Beweisen von mathematischen Theoremen notwendig ist. So benötigen die Programmierung eines Computers oder das Bedienen von irgendeiner Software den gleichen Grad (des vollen) Bewusstseins und der Abstraktion als jegliche mathematische Aktivität. (Beachten Sie, dass wir hier solche Tätigkeiten nicht berücksichtigen, wie das bloße Tippen eines Textes, ohne eine Funktion eines Textverarbeitungsprogramms, wie zum Beispiel eine Texteinrückung, zu verwenden). Dies gilt nicht für Maschinen, die keine Computer sind und manuell gesteuert werden müssen. Solche benötigen eine bestimmte automatische, unterbewusste Bewegungskoordination. Zum Beispiel hat eine Person nur dann gelernt Fahrrad zu fahren, wenn sie es nicht mehr notwendig hat, über die durchzuführenden Tätigkeiten und wie man Gleichgewicht hält nachzudenken und sich darüber bewusst zu sein.

Um das besondere Problem der Computer in der Kunst zu behandeln, müssen wir nun charakterisieren, was wir unter einem "Kunstwerk" verstehen. Da Computer vermutlich die Höchste der technologischen Errungenschaften darstellen, technisches und mathematisches Schlussfolgerns einer Maschine einzuverleiben, scheint es zweckdienlich zu sein, F. Bacon, Descartes, Newton und anderen folgend, Kunst mit den Naturwissenschaften zu vergleichen

3. Kunst und Wissenschaft

Anfangs müssen wir festhalten, dass wir uns auf menschliches Schaffen beschränken werden. Diese Behutsamkeit ist notwendig, weil viele Denker die Natur für einen Künstler gehalten haben. Plato hat diese Unterscheidung im "Der Sophist " getroffen [11]:

(Fremder spricht), "Lassen Sie mich dann annehmen, dass Dinge, die wie man sagt von der Natur geschaffen sind, göttliche Kunstwerke sind und dass Dinge, die vom Menschen geschaffen sind, menschliche Kunstwerke sind."

In der Tat sagen wir gerne "die Natur ist ein Künstler, aber nicht ein Naturwissenschaftler" um zu erklären, warum Menschen es vorziehen, in einer Straße mit Bäumen zu leben. Jeder Baum kann als ein durch die Natur gebildetes Kunstwerk angesehen werden, dass eine ästhetische Empfindung erzeugt, die in technischen-naturwissenschaftlichen Werken fehlt. Es ist so, dass Kunstwerken der Natur die Individualität fehlt. Jede Pflanze derselben Art hat in einer bestimmten geographischen Region eine ähnliche Form (obwohl nie identisch). All die schönen Netze der Spinnen einer Art folgen dem gleichen Mustern, die durch das starre "Programm" bestimmt sind, dem das Tier, jedoch in einigen Teilen unterschiedlich, folgt.

Möglicherweise ist der menschliche Körper das einzige Kunstwerk, das in der Natur mit einer Individualität angetroffen wird, die sich nicht nur aus einer bestimmten genetischen Kombination und Umwelteinflüssen ergibt. Dieses kann im Gesichtsausdruck gesehen werden, der sich mit dem Alter ändert und einen Teil der Persönlichkeit und des Temperaments aufdeckt. So kann man mutmaßen, dass das menschliche Wesen nicht ein reines Naturwesen ist, als welche Mineralien, Pflanzen und Tiere klassifiziert werden. Als unsere weiten Vorfahren ihre Höhlenanstriche bildeten, die ersten Kunstwerke, die bis zu unseren Zeiten blieben, zeigten sie dies tatsächlich; indem sie einen kreativen, künstlerischen Geist, hatten, waren sie nicht mehr ganz naturhaft - möglicherweise waren sie es nie gewesen! Vielleicht ist das eine der Hauptschwierigkeiten, den natürlichen Ursprung des Menschenwesens festzustellen.

Im Gegensatz zur Kunst der Natur, sollte jedes menschliche Kunstwerk eine persönliche Note besitzen. Z.B. ist unser Haus sicherlich von allen anderen in der Welt verschieden, weil ich und meine Frau unseren Architekten um einen Plan baten, welcher nicht der üblichen rechteckigen Kastenform des Holzes, der Ziegelsteine und des Betons folgte. Seine künstlerische Schöpfung war originell und individuell.

Außer der Notwendigkeit, einen individuellen Aspekt seines Schöpfers auszudrücken, muss das Kunstwerk eine grundlegende Eigenschaft haben, die es von technisch-wissenschaftlichen Arbeiten unterscheidet. Nach Goethe [20], formulierten wir die folgende Kennzeichnung:

Wissenschaft ist die zum Begriff gewordene Idee; Kunst ist die zum Objekt gewordene Idee.

Das heißt, dass beide den gleichen Ursprung haben, aber die eine wird durch Abstraktionen ausgedrückt und wird mittels unseres Denkens begriffen, und die andere wird konkret durch etwas, das mit unseren Sinnen beobachtet werden kann. Dieses ist klar in den mehr "physischen" Künsten - entsprechend R.Steiner [19], Architektur, Skulptur und Kleidern (in jenen Völkern, in denen sie noch ein Ausdruck des Gemüts sind). Dennoch kann es in den geistigeren Künsten, wie Musik (Töne sind physische Elemente) und Poesie (diese hängt auch vom Hören - wenn auch nur innerlich - der Töne und der Rhythmen der Wörter ab), auch erkannt werden.

Offensichtlich treffen wir hier eine grundlegende Unterscheidung zwischen technischer Wissenschaft und Technologie. Maschinen und Instrumente sind konkret, aber die technische Wissenschaft, die hinter ihnen steht, stellt ein rein begriffliches System dar.

Dadurch ergänzen sich Kunst und Wissenschaft. Entsprechend Steiner "Goethe's Ausspruch, dass Kunst eine Art des Wissens ist, ist zutreffend, denn alle anderen Formen des Wissens zusammen genommen, stellen kein vollständiges Weltwissen dar. Kunst - Kreativität muss zu dem hinzugefügt werden, was abstrakt bekannt ist, um Weltwissen zu erwerben." Er zitiert Goethe, der gesagt haben soll, "Das Schöne ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die uns ohne dessen Erscheinung ewig wären verborgen blieben". [19]

Es ist eine große Tragödie der Menschheit, dass heutzutage praktisch nur die Naturwissenschaft und die abstrakte, technisch-naturwissenschaftliche Art des Denkens geschätzt werden. Es genügt zu prüfen, welche Art der Erziehung Kinder und junge Menschen heutzutage in der ganzen Welt erhalten, um zu beobachten, dass die künstlerische Erziehung minimal ist - wenn überhaupt vorhanden - im Vergleich zur technisch-naturwissenschaftlichen Ausbildung. Aber dass scheint keine neue Situation zu sein: Steiner bedauert am Beginn des 20. Jahrhunderts die Tatsache, dass Wissenschafter die Erziehung formulieren und Lehrer eine wissenschaftliche Haltung in der Klasse haben müssen [17, Vortrag vom 15. September].

Die Schüler werden nur dazu erzogen, abstraktes, formales Schließen auszuüben, und nicht auch "intuitives" Denken wie es bei künstlerischen Aktivitäten praktiziert wird. (Wir kommen später zum Kunstunterricht zurück.) Auf diese Art ist die Menschheit dazu verdammt, eine unangebrachte, einseitige Sicht der Welt zu haben, weil dies die Art der Wissenschaft ist, die in unsere Zeit getrieben wird. Es ist möglich zu beobachten, wie Kapital und Macht die Wissenschaft durch die Betonung der Technologie unterworfen und entweiht haben, also ist Wissenschaft in hohem Grade von seinem höheren Ziel des Erwerbens des Wissens abgewichen. Möglicherweise können alle Unfälle, die durch Technologie verursacht werden, auf die Inhumanität der gegenwärtigen technisch-naturwissenschaftlichen Tätigkeit verfolgt werden, die lebende Wesen genauso betrachtet wie Dinge. Sie verwendet mit den früheren eine Methode, die nur im leblosen Bereich gültig sein sollte - und sogar da liefert sie zweifelhafte Resultate als Wissen. In einer weiteren Perspektive, könnten die gegenwärtigen wirtschaftlichen Katastrophen auf Behandlung der sozialen Fragen mit technisch-naturwissenschaftlichen Gedanken geführt werden, ohne den gleichzeitigen Gebrauch eines "künstlerischen Denkens", das, wie wir meinen, wesentlich ist, um irgendwelche dieser Fragen zu behandeln, wie wir in Kapitel 7 sehen werden.

Folgende Formulierung, entsprechend Goethe, zeigt einen anderen grundlegenden Punkt auf: Der Gegenstand "wahrer" Kunst sollte eine Idee ausdrücken, d.h. eine geistige Wirklichkeit, und nicht eine bloße beiläufige Kombination von zufälligen Elementen sein. Möglicherweise ist das die geistige Wirklichkeit, die von Kandinsky im dritten Teil dessen angesprochen wird, was er "innere Notwendigkeit " nannte, die künstlerisches Schaffen kennzeichnet und eine "wirklich wahre Kunst, die der Göttlichkeit dient," (unsere Übersetzung). Nach ihm sollte "jeder Künstler, als ein Diener der Kunst, allgemein ausdrücken, was der Kunst eigen ist (ein Element reiner und ewiger Kunst, die in allen Menschen, in allen Völkern ständig gefunden wird ... und die, als wesentliches Element der Kunst, keinen Gesetzen des Raumes und der Zeit gehorcht.)", und später "die Vorherrschaft des dritten Elements in einem Werk ist es, was die Größe des Werkes und des Künstlers ausmacht." [8]

Es liegt auf der Hand, dass das Gemälde einer Landschaft, eines Portraits oder einer toten Natur eine Wirklichkeit ausdrückt, sogar in der Form unserer Sinneswahrnehmungen, wie im Impressionismus. Andererseits denken wir, dass der Expressionismus in der Malerei die Absicht hatte, etwas auszudrücken, das im Inneren existiert (einer Person, z.B.), aber was, als emotionaler Zustand zum Beispiel, unsichtbar ist. Vielleicht wird die Musik J.S.Bachs von so vielen Menschen als etwas ganz Besonders auf Grund der Tatsache empfunden, dass sie der Urform der nicht-physischen Wirklichkeit, die der Grieche die "Sphärenmusik" nannte, am nächsten kommt. Von Bach an wird die Musik mehr und mehr ein Ausdruck einer individuellen, "irdischen" Schöpfung. Wir vergessen nicht die abstrakten und technische schöpferische Fähigkeit Bachs - denken Sie an das "wohltemperierte Klavier". Aber wir dürfen nicht meinen, dass seine Musik vollständig errechnet wurde, - wie einige Leute gerne hätten, dass es geschehen wäre -, weil er nicht genügend Zeit dafür gehabt hätte. Lassen Sie uns seine Aussage nicht vergessen, dass seine Musik "inspiriert" wurde.

Eines der grundlegenden Charakteristika eines Kunstwerks, im Gegensatz zu technischen Werken, ist die Tatsache, dass die letzteren formal definierten Regeln folgen. Offensichtlich existieren Regeln in der Kunst - schließlich muss das Bearbeiten jedes Gegenstandes den Bedingungen folgen, die durch die physische Natur des Materials auferlegt werden. Dennoch sollten diese Regeln nicht in formale Definitionen gegossen werden. Kant schriebt in der Kritik der Urteilskraft Teil I, "Kritik der ästhetischen Urteilskraft": "Denn eine jede Kunst setzt Regeln voraus, durch deren Grundlegung allererst ein Produkt, wenn es künstlich heißen soll, als möglich vorgestellt wird" . Und später "... die schöne Kunst ist nur als Produkt des Genies möglich ... ein Talent ..., dasjenige, wozu sich keine bestimmte Regel geben lässt, hervorzubringen" [9]

Diese (zumindest partielle) Nichtdefinition der Regeln, die im Bilden eines Gegenstandes der Kunst befolgt werden, ist es, was Intuition zulässt (diese innere Fähigkeit, die sich einer technisch-naturwissenschaftlichen Charakterisierung entzieht,... Gedanken aus dem Nichts kommend?), sich offenbarend ohne Regeln, die begrifflich erfasst, formalisiert werden könnten. Intuition sollte im wissenschaftlichen, so wie im künstlerischen Schaffen vorhanden sein. Dennoch erscheint sie im ersteren durch formale Regeln, und im letzteren muss ein informelles Element gegeben sein, dass unmöglich genau beschrieben werden kann. Dieses Element kommt von der körperlichen Wechselwirkung des Künstlers mit seinem Material. Wir sollten uns daran erinnern, dass im Falle der Musik und der Poesie, das Material der Ton ist. Im Falle eines Romans stellt der Autor eine Beschreibung der möglichen physischen Gegenstände vor, wie Landschaften und Personen, die im Leser eine innere Vorstellung hervorrufen. Diese Vorstellung basiert auf den Erfahrungen des letzteren.

Beachten Sie wie Kant das Worts "Genius" gebraucht, als "Natur innerhalb des Individuums", die wir als Äußerung der Individualität des Künstlers deuten können. Bei Plato ("Ion") finden wir auch eine Referenz auf den Genius, weil er Kunst als Produkt der göttlichen Inspiration beschreibt, die durch das menschliche Wesen ergriffen wird [11]. Aber in diesem Fall war der geistige "Genius" nicht innerhalb der Person, und war nicht "natürlich" wie im Materialismus Kants, aber inspiriert von außen. Lassen Sie uns ins Gedächtnis rufen, dass Homer immer die Muse anrief, um ihn zu inspirieren, um seine zwei großen Werke zu schreiben: "Singe, O Göttin, vom Zorn des Peleiden Achilles, der zahlreiches Unheil den Achäen brachte". und "Erzähl' mir, O Muse, von dem klugen Helden, der weit herum reiste, nachdem er die berühmte Stadt Troja geplündert hatte." [7] Das heißt, der alte Grieche hatte nicht die innere Wahrnehmung, die heutzutage jede Person hat, dass er seine eigene Gedanken hervorbringt; diese wurden als durch die göttliche Welt eingeflößt gefühlt. Steiner schrieb über Homer: "Episches bedeutet die oberen Götter, die als weiblich empfunden wurden, weil sie die Befruchtenden waren, die eben als weiblich, als Musen empfunden wurden." [19] Anschließend spricht er über die Entwicklung des Theaters von Aeschilus zu Euripides: "Erst allmählich mit dem Vergessen des Zusammenhangs des Menschen mit der geistigen Welt wurde auf der Bühne aus dem Götterwirken durch die Menschen reines Menschenwirken." [19] Trotzdem würde es Jahrhunderte dauern, bis das menschliche Denken wirklich unabhängig wurde. Die Schwierigkeit, das heliozentrische Weltbild anzunehmen, das der Sinneswahrnehmung widerspricht (die Sonne und die Sterne verschieben sich scheinbar auf dem Himmel), zeigte, wie lang es dauerte, die Fähigkeit des abstrakten Denkens zu entwickeln.

Wenn wir über Regeln reden, so ist eine andere Eigenschaft, die wir in den Künsten finden, die, dass einige Regeln, die sie befolgen, geradezu streng und in hohem Ausmaß bereits im Stoff des Gegenstandes und in etwaigen eingesetzten Werkzeugen vorhanden sind. Andererseits werden sie in den theoretischen technischen Wissenschaften durch den Schöpfer bestimmt. In der Tat ist eine mathematische Theorie ein völlig offenes Feld, von den Axiomen bis zur Erweiterung von Theoremen, die aufgestellt werden. Dieses Abhandensein von Begrenzungen ist eine offensichtliche Konsequenz der Tatsache, dass Mathematik ein rein geistiges Erzeugnis ist und keine Begrenzungen im Physischen hat. Eine physikalische Theorie kann einen weiten Bereich abdecken, da sie ein abstraktes Modell ist. Zum Beispiel ist es möglich, sich Elemente ohne klassische Begrenzung vorzustellen, d.h. ohne unseren Sinneserfahrungen zu entsprechen, wie es beim Elektronenspin oder die Wahrscheinlichkeitswellen in der Quantenmechanik der Fall ist. Sogar physikalische Experimente können einen großes Beobachtungsbereich haben - es scheint so, dass Teilchenbeschleuniger die Zustände der Materie verändern und Bedingungen herstellen, die letztlich im Normfall nicht existieren. Vergleichen Sie diese Situationen mit dem Wirkensspielraum eines Pianisten, dessen Schlaginstrument extrem in der Produktion jedes Tones begrenzt wird, verglichen mit anderen Instrumenten, in denen der Ton weitgehend vom Ausführenden hervorgebracht wird und sich in Klang und Farbe unterscheiden kann. Dennoch, was für Kunstwerke und welche Empfindungen können durch einen Meister an der Trommel vermittelt werden! Es ist eben die Äußerung der Freiheit in einem begrenzten Raum, die den großen Künstler zeigt. Dementsprechend würde es interessant sein, das im Anhang wiedergegebene Gedicht Goethes zu meditieren.

Das informelle und intuitive Element in der Kunst lässt uns sagen, dass es im künstlerischen Schaffen ein unbewusstes Element geben muss, das nicht ganz bewusst gemacht werden kann. Andererseits müssen technisch-wissenschaftliches Ergebnisse durch die freien, universalen, nicht-zeitlichen Gedanken, d.h. solchen, die von der individuellen Deutung des Beobachters unabhängig sind, entwickelt werden. Sie können sogar formal sein, mathematisch bis zu einem bestimmten Punkt (vom Bereich abhängend). Stellen Sie sich jetzt eine Beschreibung des Isenheimer Altars (im Museum Interlinden bei Colmar) [21] durch abstrakte Punkte und RGB (rot / blau / grün) Intensitäten von 0 bis 255 dar, wie in Bildschirmen, oder durch ihre Wellenlängen vor: er würde seine ästhetische Bedeutung gänzlich verlieren und würde nicht die innere Reaktion hervorrufen, die im Beobachter durch Farben, Formen und Motive geweckt wurde. Das heißt, er würde nicht den therapeutische Wirkungen haben, für die er von Grünewald geschaffen wurde. Wir betonen nachdrücklich, dass das auch beim Beobachten ein individuelles Element da sein muss, das im Fall der Wissenschaft fehlt (wir berücksichtigen hier nicht die "unscharfen Wirkungen", die nichts mit der Individualität zu tun haben).

Das Element der Emotion wurde durch Freud betont, für den die Kunst ein Ausdruck der Emotion oder des Unterbewussten ist, und nicht Imitation oder Kommunikation (in seiner typischen einseitigen Argumentation einer Theorie der Sublimation der Gefühle und der Wünsche durch Kunst - nehmen Sie zum Beispiel das Ende seines 23. Vortrags in "Allgemeine Einführung in die Psychoanalyse" [4]). Im Vergleich zu Kandinskys Anschauung der Kunst als Kommunikation einer geistigen Wirklichkeit, ist es möglich, den Unterschied zwischen Materialismus und Spiritualismus gut zu sehen; im letzteren muss etwas von einer höheren, nicht-physischen Natur (Goethes "Idee") kommuniziert werden.

Es ist wichtig, nachdrücklich zu betonen, dass die Idee, die durch ein Objekt ausgedrückt wird, objektiv ist, aber die notwendige Empfindung und das Gefühl, das durch das Objekt geweckt wird, ist subjektiv. Z.B. wenn eine große Terz gehört wird, der eine kleine Terz folgt, oder ein Septakkord und dann eine Oktave. Wir sind sicher, dass jeder in jedem Fall unterschiedliche Empfindungen haben wird, die sich durch den Kontrast zwischen jedem Intervall und dem folgenden erklären. Aber es wird wahrscheinlich fast jede Person sagen, dass die kleine Terz "trauriger" ist und der Septakkord eine Spannkraft erzeugt, die durch die Oktave aufgelöst wird. Jeder fühlt diese Empfindungen anders, aber es gibt offenbar etwas Universales dahinter, wie auch bei Farbempfindungen: zitronengelb erscheint freudevoll, strahlt aus und öffnet sich, und preußisch-blau erscheint traurig, introspektiv und schließt sich ein. Kandinsky sagt [8]: "Das reine und ewige Element der Kunst ... ist das objektive Element, das mit Hilfe des subjektiven verständlich wird",

Wir sehen eine wesentliche Unterscheidung zwischen einem Kunstwerk und einem technisch-naturwissenschaftlichen Werk darin, dass das erstere immer in seiner Entstehung in Beziehung zu zeitlichen und räumlichen Kontexten steht. Demgegenüber ist eine wissenschaftliche Theorie nicht zeitabhängig, solang sie konsistent ist und schlüssig den Beobachtungen entspricht. Ein einfaches Beispiel ist der Begriff eines Kreises, als, zum Beispiel, der geometrische Ort aller Punkte die von einem gegebenen Punkt gleich weit entfernt sind. Diese formale Definition hängt nicht von den Zuständen seines Entdeckers ab, sie ist unpersönlich und ewig. Niemand hat je solch einen vollkommenen Kreis gesehen; er existiert nur als Idee, und er ist derselbe für jeden, der die Definition versteht; beachten Sie, dass der Begriff "Punkt" auch eine reine Abstraktion ist. Die Tatsache, dass wir fähig sind, diese und ähnliche mathematische Begriffe mit unserem Denken zu verstehen, hat Aristoteles zur Vermutung geführt, die sich durch rein logische Schlussfolgerung - Vorläufer unserer modernen Art zu denken - ergab, dass wir auch etwas Ewiges in uns haben müssen. Sein Lehrer Plato würde nie eine solch "irdischen" logischen Schluss gezogen haben; für ihn war das Ewige in dem Menschen eine Sache der Beobachtung und nicht der Argumentation, da er ein Eingeweihter in den alten Mysterien war. Für eine umfassende Darstellung dieser gewaltigen Persönlichkeiten unserer Evolution, die künstlerisch einige ihrer unterschiedlichen Haltungen zeigen, schauen sie sich die schöne "Schule von Athen" Rafaels an [1].

Die Abhängigkeit des künstlerischen Schaffens von Raum und Zeit, verbunden mit dem individuellen, unterbewussten Ausdruck des Künstlers führt zum Hervortreten unerwarteter Elemente beim Schaffensprozess. Der Künstler sollte seine Arbeit während dieses Prozesses beobachten, um ihn zu beeinflussen und etwas zu erreichen, das er von vornherein nicht hätte vorhersehen können. Dies mag ein bloß innerlicher Prozess sein, wie es bei einem Komponisten der Fall ist, der die Töne seiner Komposition nicht hören muss; dennoch ist die reale Gehörempfindung nicht dieselbe wie die vorgestellte. Man könnte argumentieren, dass wissenschaftliche Forschung auch unerwartete Resultate hat. Dies kann bei der Mathematik sogar auftreten: ein Theorem kann postuliert werden, ohne zu Wissen, wie man dieses beweist (ein aktuelles Beispiel dafür ist der Beweis von Fermats letztem Theorem, formuliert im 17. Jahrhundert). Ein großer Unterschied besteht in der Tatsache, dass das Ergebnis, wie wir bereits gesagt haben, einerseits eine begriffliche Auffassung und andererseits ein Objekt ist. Außerdem, sobald eine wissenschaftliche Auffassung etabliert ist, sollte jedes Mal wenn ein Experiment oder die korrekte Theorie wiederholt wird, das Resultat dasselbe sein (unter experimentellen Näherungswerten, klarer weise). Im Falle künstlerischen Schaffens, sollte das Wiedermachen eines Kunstgegenstandes immer eine Neuerung hervorbringen. Seine vorhergehende Schöpfung beobachtend, hat der Künstler immer andere Inspirationen (man denke an Freuds Aussage, dass einfache Wiedergabe keine Kunst ist). Wir mögen diesen Faktor "Dynamik des künstlerischen Schaffens" nennen.

Zusammenfassend sollte unserer Meinung nach Kunst durch physische Dinge (einschließlich Ton) oder die Vorstellung davon (wie bei einen Roman) ausgedrückt werden; sollte eine Idee ausdrücken, die eine nicht-physische Wirklichkeit ist; sollte nicht der vollen Erzeugung oder Beschreibung durch reine formale Elemente unterworfen sein; sollten immer einen unterbewussten Anteil enthalten; sollte einen individuellen Charakter in Verbindung mit dem Schöpfer und dem Beobachter haben; sollte eine bestimmte Freiheit innerhalb der informellen Regeln, die durch das eingesetzte Material und durch die Tätigkeit des Künstlers auferlegt werden, zulassen; sollte die Gefühle des Künstlers und des Beobachters miteinbeziehen; sollte zeitliche und regionalen Kontexte verbunden mit seiner Entstehung und Beobachtung beinhalten; das Wieder-Schaffen sollte dynamisch sein, und der Schaffensprozess sollte unerwartete Elemente haben.

Bevor wir unsere Meinung bezüglich des Einsatzes des Computers in der Kunst darlegen, ist es notwendig, festzustellen, wie er bei der künstlerischen Tätigkeit benutzt werden könnte.

4. Der Gebrauch des Computers in der Kunst

Es gibt drei Möglichkeiten, den Computer in der Kunst zu benutzen: als Speichermedium, als passives Werkzeug des künstlerischen Schaffens und als aktives Werkzeug beim Erzeugung von Bildern, von Tönen, usw.

In der ersten Kategorie werden sie im wesentlichen auf keine andere Art als andere Speichermedien, wie Bücher und Tonbänder benutzt. Der einzige Unterschied zu Büchern liegt in der Tatsache, dass die letzteren physische Mittel sind, und nicht virtuell. Dadurch hat der Leser durch Bücher einen völlig anderen Berührungs- und Sichtkontakt, als mit einem Text, der in einem Computer gespeichert ist und auf einem Bildschirm angesehen wird. Es gibt viele Geschichten über Menschen, die in einer Bibliothek oder in einem Buchgeschäft zu bestimmten Bücher hingezogen wurden, die in ihrem Leben wichtig wurden. Oder sie wurden unbewusst beim Durchstöbern der Seiten eines Buches veranlasst etwas zu lesen, was sich später als wichtig für sie herausstellte. Wir bezweifeln, dass Computer diese intuitive Verbindung im gleichen Grad verursachen könnten wie der Kontakt mit einem realen, nicht-virtuellen Gegenstand. Als wir diesen Aufsatz schrieben, druckten wir laufend die verschiedenen Versionen, da der gedruckte Text einen Überblick ermöglicht, den wir bei der Verwendung eines Texteditors vermissen. Von diesen Nachteilen abgesehen ist es möglich, eine Anzahl von Vorteilen der virtuellen Speicherung zu erwähnen: automatische Suche, Effizienz der Speicherung, des Kopierens und der Übertragung, etc.

Die zweite Art Computer in der Kunst einzusetzen ist, sie als passive Werkzeuge zu verwenden. Ein populäres Beispiel dieses Gebrauchs ist der von Zeichenprogrammen wie CorelDRAW. Hier müssen wir zwei grundlegende Erwägungen anstellen. Die erste betrifft die Tatsache, dass die Verwendung von physischen Materialien - in diesem Fall Pinseln, Farben und das Papier oder die Leinwand -, eine unbewusste Aktivität zulässt. Wie wir im vorhergehenden Kapitel sahen, ist es nicht möglich, genau vorauszusehen, was das Resultat eines künstlerischer Tätigkeit sein wird. Beim Malen ist es nicht möglich, die Mischung von Farben zu berechnen und nur durch das Auftragen auf Papier oder die Leinwand wird es erst möglich, ihre Wirkungen zu sehen - und sie werden sich ändern, nachdem die Farbe trocknet. Außerdem ist es extrem schwierig, eine Mischung zu wiederholen, es sei denn es werden strikt Industriefarben verwendet und die Farbkombinationen werden mit wissenschaftlicher (und nicht künstlerischem!) Präzision gemessen. Der auf den Pinsel ausgeübte Druck, der das Ergebnis beeinflusst, kann nicht genau bestimmt werden. Das Papier oder die Leinwand und deren Grad der Farbaufnahme sind auch wichtige Faktoren; außerdem schaut eine nasse Farbe stärker aus, als sie aussehen wird, wenn sie trocken ist.

Diese unwägbaren Einflüsse gibt es im gleichen Umfang bei einem Zeichenprogramm nicht. Farben (oder besser, ihre optische Täuschung) sind im allgemeinen (z.B. auf CT-Bildschirmen) durch eine praktisch punktuelle Projektion von drei Grundfarben (rot, grün und blau - RGB -, die übrigens nicht als Grundfarben zur Mischung von Tinten verwendet werden können, um was Goethe "chemische Farben" nannte zu erzeugen) bestimmt. Es ist möglich, ihre Kombination genau zu bestimmen und zu reproduzieren, da die Intensität jeder Farbe durch eine numerische Skala von 0 bis 255 ausgedrückt wird - was eine Verarmung ist. Es liegt auf der Hand, dass die Empfindung, die eine Farbe im Künstler hervorruft, nicht formal ist. Aber was hier wesentlich ist, ist die Art der Tätigkeit, die er ausüben muss: im Fall von den Computerfarben, ist die Auswahl ziemlich formal und bewusst.

Wir malen gerne mit Wasserfarben "Nass-auf-Nass". Bei dieser Tätigkeit ist einer der ganz besonderen Empfindungen, einen gleichbleibenden Farbübergang zwischen zwei Farbtönen, zum Beispiel von Orange zu Rot oder von Gelb zu Rot zu erzeugen. Dabei ist es notwendig, beide Farben in einem bestimmten Abstand auf dem Papier zu verteilen und sanft den Pinsel Dutzende Male gleiten zu lassen, ihn von Zeit zu Zeit mit Farbe benetzend, um einen annehmbaren einheitlichen Farbübergang zu erreichen. Vergleichen Sie diese tiefe, ruhige persönliche Erfahrung mit der Verwendung eines Zeichenprogramms; hier genügt es, die Regionen mit den ursprünglichen Farben auszuwählen, ein hypothetisches "Farbenübergangs"-Symbol zu aktivieren, und der gewünschte Effekt ist sofort da. Der ganze Prozess des Künstlers, eine Zeit lang ein zufriedenstellendes Ergebnis zu suchen, zum Beispiel möglicherweise vorhandene Streifen entfernend, die da so auftreten, seine Wechselwirkung mit dem Material, seine Freude oder Leiden durch den Vorgang und, am wichtigsten von allem, seine Selbstentwicklung wurde dadurch vermindert, wenn nicht gänzlich beseitigt. Darüber hinaus, fehlen einer Malerei mit einer Maschine alle Nuancen, die in handgemachten Dingen auftreten, das heißt, es kommt zu einer Verarmung der Tätigkeit und der Darstellung (erinnern Sie sich, was wir im 2. Kapitel gesagt haben).

Die zweite Erwägung hat mit der Tatsache zu tun, dass Computer mathematische, abstrakte Maschinen sind, wie wir im 2. Kapitel sahen. Jeder Befehl, der vom Benutzer eines Graphikprogramms abgesetzt wird, ist formal, und seine Ausführung durch die Maschine kann durch eine mathematische Funktion beschrieben werden. Das heißt, der Benutzer wird gezwungen in einer formalen Weise zu denken, wenn man diese Befehle verwendet - beachten Sie, dass es sich bei der Auswahl von Bildsymbolen auch um eine formale Sprachen handelt. Vergleichen Sie dies wiederum mit dem Gebrauch eines Pinsels, in der die Bewegungstätigkeit unbewusst bleibt; eine völlig bewusst Ausführung von Körperbewegungen führt zur Lähmung. Stellen Sie sich z.B. einen Klavierspieler vor, der an jeden Finger, jede Hand, jeden Arm und jeden Muskel denkt, die er für jede Note verwenden soll - er würde nicht spielen können (ähnlich geht es Anfängern, die ihre Fingerbewegungen noch nicht unbewusst ausführen).

Bei den traditionellen Arten der künstlerischen Tätigkeit ist eine sehr starke Verbindung zwischen dem Künstler und dem Medium vorhanden. Ein Pinsel oder ein Musikinstrument sind Erweiterungen des Körpers des Künstlers, und seine Hände (und möglicherweise der Mund) berühren das Material unmittelbar. Im "echten" Theater - es gibt neuere Forschung über "Computertheater", bei der ein Computer die Bewegungen der Schauspieler ermittelt und Beleuchtung oder Ton regelt, ein großer Bildschirm kann virtuelle Zeichen, auf die der Schauspieler einwirken kann, usw. bildlich darstellen - hat der Schauspieler unmittelbare Beziehung mit seinen Mitspielern, der Bühne und dem Publikum. Es erscheint uns, dass der Computer in einem hohen Maß diese intime Verbindung des Künstlers mit dem Werk beseitigt, das er produziert. Die Maschine produziert dann den Großteil, wenn nicht das ganze Werk, ohne die unmittelbare Beteiligung des Künstlers.

Werden daher Computer auf diese Art verwendet, so ist es nötig, die künstlerische Tätigkeit zu formalisieren und bewusstzumachen, den körperlichen Kontakt des Künstlers mit dem Werkzeug und dem zu schaffenden Objekt verlierend.

Die dritte Art, den Computer in der Kunst zu verwenden, ist, ein Programm zu schreiben, dass Bilder und Töne erzeugt (in Zukunft vielleicht sogar Skulpturen produziert oder Häuser baut). Ein bekanntes Beispiel sind Zeichnungen, die durch Fraktalfunktionen produziert werden; Programme, die Zeichnungen mit diesen Funktionen produzieren, sind auf dem Markt. In diesem Fall wird nicht nur das informelle Werkzeug durch ein anderes ersetzt; der Schaffensprozess ist vollständig formal. Die Kreation muss auf streng mathematische Weise ausgedrückt werden, wie es bei jedem Programm der Fall ist. Damit wird der unbewusste Faktor völlig beseitigt. Der individuelle Anteil wird auch dahingehend beseitigt, dass jeder vollständig verstehen kann, wie die Arbeit produziert wurde - es genügt, das Programm im Detail zu überprüfen. Die mit dem Schaffen verbundenen zeitlichen und räumlichen Elemente werden auch beseitigt. Das heißt, die künstlerische Tätigkeit ist eine technisch-naturwissenschaftliche Aktivität geworden. Das Ergebnis besteht im Gegensatz zu richtigen wissenschaftlichen Tätigkeiten nicht aus Konzepten und das Endergebnis soll einen ästhetischen Effekt haben, aber die Tätigkeit ist sicherlich keine künstlerische, wie sie oben charakterisiert wurde, und folgt den üblichen wissenschaftlichen Methoden.

Übrigens ist es sehr wichtig, zu verstehen, was es bedeutet, ein Programm dazu zu bringen, ein "Kunstwerk" zu produzieren, das einem bestimmten Stil folgt. Ein Computer kann Zeichnungen und Musikstücke produzieren, die denen von Mondrian oder von J.S.Bach ähnlich sind, aber ihre Stile müssen vorher bekannt sein. Dann können diese Stile analysiert werden und ungefähr durch rein formale Element ausgedrückt und in einem Computer programmiert werden, um etwas scheinbar ähnliches zu generieren. Ohne Bach würde es keine Programme geben, die seine Musik nachahmen. Darüber hinaus, wie wir zuvor sagten, drückt die Kreation durch einen Computer keine anderen Ideen aus, außer denjenigen, die bereits im Stil enthalten sind - so lang dieser Stil mathematisch ausgedrückt ist. Dieser Prozess stellt auch eine Verarmung dar.

Es ist auch notwendig zu bedenken, dass, wie wir gesagt haben, echtes künstlerisches Schaffen nicht vorhersehbar sein sollte, sondern abhängig vom Wechselspiel zwischen dem Schöpfer und seinem Werk während des Schaffensvorgangs. Der etwaige Gebrauch von Pseudo-Zufallszahlgeneratoren beseitigt nicht die Voraussagbarkeit, denn was das Programm mit jeder festgelegten Zahl tut, ist, als vom Programmierer festgelegt, immer vorhersagbar.

5. Beurteilung

Als Speichermedium für Kunstwerke bietet der Computer einige Vorteile, vor allem den Menschen, die "Konservenmusik" Live-Konzerten vorziehen, Farbwiedergaben in Büchern den Originalen, Filme dem Theater. Offensichtlich ist es nützlich auf Darstellungen oder Beschreibungen von Kunstwerken, auf die eine Person keinen direkten Zugriff hat, von der Ferne zuzugreifen.

Für den zweiten Fall haben wir gezeigt, dass es eine Verarmung der Tätigkeiten eintritt, die mit dem künstlerischen Schaffen verbunden sind. Außerdem, wenn wir uns an die Charakterisierung am Ende des 3. Kapitels erinnern, ist das Resultat virtuell und nicht konkret wie bei den verschiedenen künstlerischen Aktivitäten (oder, wenn es konkret gemacht wurde, z.B. eine gedruckte Version auf Papier, wurde es nicht direkt durch den Autor, sondern durch die Maschine produziert; in dieser Richtung haben wir hierin ein Problem gemeinsam mit Fotografie und Kino); es wird nur teilweise vom Künstler erstellt und kann gänzlich durch rein formale Elemente beschrieben werden (weil es in Form von Daten gespeichert wird); lediglich formale, abstrakte Regeln werden (teilweise) in seinem Aufbau verwendet (durch die Software-Befehle) und schränken die Freiheit des Schöpfers auf einen mathematisch wohl-definierten Bereich ein, und es gibt keine Unabwägbarkeiten in einem Teil des Resultats - weil es das Resultat der vorprogrammierten Aktionen ist, die durch die Maschine durchgeführt werden (aktiviert durch die Software-Befehle).

Wir haben auch gezeigt, dass in der dritten Art der Computer als aktives Instrument verwendet wird, um Bilder oder Töne (und sogar "Poesie", welches die geistigste Kunst sein sollte und daher Menschen vorbehalten ist) durch ein Programm zu generieren, das zu diesem Zweck geschrieben wurde. In diesem Fall haben wir eine technisch-naturwissenschaftliche, abstrakte Aktivität und keine künstlerische. Außerdem entfernt sich diese Weise der Verwendung der Computer in der Kunst beinahe vollständig von den Merkmalen, die wir für künstlerisches Schaffen beschrieben haben, wie leicht überprüft werden kann.

Daher ist es möglich zu sagen, dass, entsprechend unseren Auffassung, nur die erste Art der Verwendung der Computer in der Kunst - als Speichergeräte - eine vom künstlerischen Standpunkt zulässiges ist. In den anderen beiden Formen hat der Gebrauch von Computern genau den gegenteiligen Effekt zu dem, was von künstlerischer Tätigkeit gewünscht wird. Demnach verarmen sie die künstlerische Tätigkeit anstatt mehr Schaffensfreiraum zu lassen, wodurch sie diese zu einer abstrakten Aktivität machen. Dem Resultat fehlt es auch an feinen Nuancen, die durch Hand oder Mund entstehen. Wie wir in der Einleitung sagten, erscheint es nicht merkwürdig, dass Computer als Instrumente der Kunst benutzt worden sind. Anstatt dass wir die Kunst wieder auf menschlichere und schönere Formen zurückführen, um die höchsten geistigen Wirklichkeiten auszudrücken, machen wir sie mehr abstrakt, grob und formal, ohne sie die Bedingungen erfüllen zu lassen, die wir als für ein Kunstwerk wesentlich vorgestellt haben. Im Gegenteil, wir reduzieren es auf die Ebene der Unternatur der Maschinen.

Ein anderer Punkt ist die Tatsache, dass Computer den Künstler von ihren Instrumenten entfremden. Traditionelle Kunsthilfsmittel, wie Pinsel und Musikinstrumente, sind einfach und ihr Einsatz kann zur Gänze erfahren und verstanden werden. Andererseits ist der Computer immer ein geheimnisvolles, nicht-verständliches Hilfsmittel und vermeidet die vertraute und konkrete Integration des Künstlers mit den Mitteln, die er einsetzt. Dieses scheint uns ein wesentlicher Faktor beim künstlerischen Schaffen zu sein.

Daher betrachten wir den Computer als passives oder aktives Hilfsmittel für künstlerisches Schaffen, nicht als Instrument der Kunst, sondern der Gegenkunst.

Wie wir in einem Aufsatz schreiben, der 1976 auf einer Konferenz der Akademie der Wissenschaften von São Paulo veröffentlicht wurde [13], stellen Computer ideale Instrumente dar, um den Wissenschaftsglauben, d.h. den Gebrauch der Wissenschaft als Religion, zu verbreiteten, den Glauben, dass Wissenschaft jedes Problem der Menschheit lösen wird, dass nur Fachleute etwas von der Welt verstehen, etc. Dies ist einer der Hauptgründe dafür, den Einsatz von Computern als Instrumente der Kunst voranzutreiben. Computer verleihen allem einen Aspekt des Modernität und der wissenschaftlichen Forschung (auf diesem Weg wird die Phrase "Mist rein, Mist raus" vergessen) und validieren jede beliebige Forschung ohne viel tatsächlichem Wert. Laien sind erstaunt über Resultate, die toll dargestellt, aber ohne viel Inhalt sind. Sie bemerken nicht, dass die Erzeugung von Kunst mit einem Computer auf abstrakten Gedanken basiert, und nicht auf künstlerischer Intuition und Kreativität. Es ist das Königreich der Entmenschlichung und der Oberflächlichkeit.

Eine andere Tendenz, die den Gebrauch der Computer beim künstlerischen Schaffen erklären kann, ist der Reinfall des Verbrauchers auf die irreführenden Reklameanzeigen, die von den Computer- und Software-Produzenten gemacht werden. Die Zahl dieser Maschinen in den Unternehmen ist viel kleiner als ihre potentielle Zahl in den Haushalten. Da sehr wenige Menschen sich gerne dazu Aufraffen eine Datenbank zu installieren, z.B. mit ihren Kücherezepten, verweisen Computer und Software-Produzenten auf Anwendungen für Freizeitaktivitäten (in unserem Fall, den künstlerischen) und für Erziehung und Fortbildung.

Dieses führt uns dazu eines unserer bevorzugten Themen kurz zu behandeln: den Gebrauch der Computer in der Erziehung, hier unter dem Gesichtspunkt der künstlerischen Erziehung.

6. Der Computer und die künstlerische Erziehung

Der größte Fehler der Erziehung auf allen Stufen ist unserer Meinung nach die Tatsache, dass sie übermäßig abstrakt ist. Anstatt das Kind oder die junge Person in Verbindung mit Wirklichkeit und Phantasie zu bringen, die sie anziehen könnten, wird alles in der monotonen Form der intellektuellen Abstraktion präsentiert. Z.B. ist es in Brasilien die gängige Art zu lehren, was eine Insel ist, die folgende abstrakte Definition zu geben: "Eine Insel ist ein Stück Land, das von allen Seiten mit Wasser umgeben ist", was ungefähr um etwa 8 Jahren gelehrt wird. Dies ist eine ganz tote Definition. Außerdem ist es falsch: es gibt kein Wasser über und unter der Insel; wenn die Insel eine runde Form hat, so gibt es ihren Rand erwägend topologisch zwei Seiten: Innen und Außen. Was könnte eine angemessene Art sein, 8 Jahre alten Kindern, Inseln vorzustellen, sehr lebhaft und die Phantasie weckend? Man könnte etwa die Geschichte einer Person erzählen, die in einem Boot war, welches sank, und sie schwamm, bis sie einen Strand erreichte. Sie machte ein Nickerchen, aß etwas Früchte, die dort wuchsen, und entschied, nach Hause zu gehen. Aber jeden Weg, den sie einschlug, führte an einen anderen Strand oder Felsen am Meer, usw. Während diesen Ausführungen könnte der Lehrer mit farbiger Kreide eine künstlerische Darstellung der Insel mit Bäumen, Vögeln, Steinen, Stränden, usw. zeichnen. Sie könnte eine große Schüssel benutzen und eine Insel mit Sand oder Lehm aufbauen und kleinen Pflanzenstücken, wobei sie die Kinder alle Arten kleiner Figuren bilden lässt. Durch all das, durch einen Unterricht voll Kunst und Phantasie, ist es möglich, im Kind ein inneres lebhaftes Bild von einer Insel hervorzurufen.

Jede Definition ist eine reine Abstraktion und "tötet" das Ding, das definiert wird. Steiner [19] paraphrasierend, könnten wir sagen, dass ein Unterrichten durch Abstraktionen ein "totes Bild des Lebens" zeigt. Mit diesem wird die Phantasie und Kreativität der Kinder abgetötet. Jedes Kind ist ein geborener Künstler, aber seine künstlerischen Fähigkeiten werden durch Fernsehen, Videospiele, Verwendung des Computers und Frühintellektualisierung zu Hause und in der Schule kastriert.

Der Computer hat weitere Abstraktionen ins Unterrichten gebracht und zwingt das Kind, intellektuelle Haltungen, die für Erwachsene typisch sind, anzunehmen. Wie Neil Postman es im Titel eines seiner ausgezeichneten Bücher ausdrückt, haben wir hier "das Verschwinden der Kindheit" [12].

Heutzutage ist der Unterricht zweifellos hauptsächlich auf den Erwerb technisch-naturwissenschaftlicher Information und intellektueller Fähigkeiten gerichtet. Wir halten dies für eine Tragödie, weil, wie wir im 3. Kapitel sagten, Schüler nicht auch in Hinblick auf eine künstlerische Weltsicht erzogen werden. Wie wir sagten ist diese Sicht eine notwendig Ergänzung der technisch-naturwissenschaftliche Betrachtungsweise. Aber wir sind der Meinung, dass dies für die Entwicklung der Sensibilität, einschließlich der sozialen Sensibilität, und für eine gesunde Entwicklung der Menschheit absolut notwendig ist.

Der Computer hat diese Situation verschlimmert, weil es keine Änderung der Mentalität der Erzieher gegeben hat. Sie möchten auch modern sein und müssen im allgemeinen eine wissenschaftsgläubige Mentalität haben, andernfalls würden sie nicht eine idiotische und falsche Definition einer Insel geben. (Glücklicherweise definieren sie nicht, was ein Baum ist, so: "Ein Stück Holz mit 90 Grad in den Boden geschlagen, blah-blah...". . Dennoch, obwohl sie keine Definition bekommen, entwickeln Kindern einen richtigen Begriff des Baums durch direktes Experiment und Beobachtung). Sie würden ansonst ihren Schülern keine Noten geben und als bloße Abstraktionen behandeln oder bestenfalls als "gehende Köpfe". In Brasilien gibt es eine bestimmte sehr große "Erziehungsindustrie" deren Motto heißt "die besten Köpfe", als ob die armen Kinder nicht Gefühle und Willensäußerung hätten, und gar keine anderen physische Teile... Außerdem ist der eindeutige Bezug auf technisch-naturwissenschaftliches Denken, d.h., ohne Leben. Es ist symptomatisch, dass deren Logo ein Kopf aus Pixel (kleine Vierecke alle von derselben Farbe) ist.

Wenn wir über Notensysteme sprechen: was bedeutet es, ein 8 jähriges Kind durchfallen zu lassen? Zeigte es keine den Erwachsen ähnliche Anstrengungen? War es nicht wie ein Erwachsener zuverlässig? Kennt es nicht in einer einheitlichen Form jeden Gegenstand, als ob es ein Informationsspeicher wäre, unabhängig davon, ob die Informationen interessant sind oder nicht? Wenn es eine Änderung in der Mentalität gegeben hätte und das Unterrichten menschlicher geworden wäre, sollten Grundschullehrer die ersten sein, die den Gebrauches des Computer in der Erziehung zurückweisen. Die gleiche alte Mentalität ist diejenige, die einen falschen Erzieher dazu führt, eine Note ohne wirklichen Sinn zu geben. Zum Beispiel, was bedeutet in Brasilien eine Note 5 - in der üblichen Skala von 0 bis 10, die schlechteste positive Note -, das Wissen der "Hälfte" der Gegenstände, die beim Test abgefragt wurden, oder das Wissen der "Hälfte" des Stoffes jedes Gegenstands? Noten quantifizieren etwas, was nicht quantifizierbar ist, wie Wissen, Interesse, Bemühung und Fähigkeit, einschließlich der geistigen. Diese Mentalität, die Schüler als Abstraktionen und nicht als Menschen behandelt und Erziehung als eine Naturwissenschaft anstatt einer Kunst ansieht, ist offensichtlich, was diejenigen, die sich Erzieher nennen, veranlasst, Computer in der Erziehung einzusetzen.

Vom Gesichtspunkt der künstlerischen Erziehung erscheint uns das Resultat offensichtlich: es ist ein weiterer Angriff auf die Beseitigung der künstlerischen Kreativität und der Sensibilität der Kinder. Anstatt für die Nuancen des Pinsels zu erziehen, mit dem man dem Kind lehren sollte ein Papier sanft zu überstreichen, wird die grobe Bewegung der "Maus" gelehrt; sich auswirkend auf eine Brutalisierung des Feingefühls der Hand und der (visuellen) Sensitivitäten, sowie der Bewegungskoordination, die auf eine viel, viel kleinere Bewegung im Vergleich zur zarten Handhabung des Pinsels gerichtet ist. Anstatt Farben zu erzeugen, Grundfarben wie Rot, Gelb und Blaues mischend, wird das Kind gezwungen, eine logische Wahl unter einer virtuellen Palette oder sogar dem Kombinieren von 3 Zahlen zu treffen, wie wir vorher darstellten. Es wäre interessant, sich einen umgekehrten Turing Test vorzustellen [13]: würde ein Computer einen Menschen von einem anderen Computer unterscheiden? Es scheint uns, dass er es nicht würde, weil, wenn man einen Computer verwendet, ein Mensch gezwungen wird, wie eine Maschine zu denken...

Diese Kritik hinsichtlich der Erziehung entstammt nicht bloßen Theorien. Sie basieren auf unser praktisches und theoretisches Wissen der Waldorfpädagogik [2, 3], wo es keine Noten gibt, kein Durchfallen, und der Unterricht in der Grundschule und in der Oberstufe von Kunst durchzogen ist. Wir empfehlen sehr, eine Waldorfschule zu besuchen, um zu überprüfen was wir hier sagen - die Wirklichkeit sagt viel mehr aus als eine intellektuelle Beschreibung! Wir sind sicher, dass unsere Leser den Eindruck haben werden, dass Waldorfschulen Künstler formen. Es ist die Wahrheit, dass ihre Absolventen ganz normale Menschen sind: das klassische Schulsystem ist das falsche System; es beseitigt künstlerische Kreativität und entwickelt keine künstlerische Fähigkeit.

Wir haben unsere Meinung geäußert, dass wir gegen den Gebrauch der Computer in der Grundschule sind. In [14, 16] stellen wir umfassender dar, warum wir diese Meinung vertreten und stellen einen Vorschlag für den Einsatz der Computer im Unterricht der Oberstufe vor, um zu lehren, was Computer sind und wie sie und das Internet verwendet werden können. Dort verwenden wir die jeder Waldorfschule in der Welt angewandte Entwicklungslehre Steiners, um festzustellen, dass das logisch-symbolische abstrakte Denken, das durch Computer erzwungen wird, in jeder möglicher Anwendung auf Kinder und junge Menschen zerstörend wirkt, bevor sie ungefähr 16-17 Jahre alt sind. Die Erwägungen, die wir in diesem Aufsatz machen, ergänzen, was wir dort sagten. Anstatt Kunst in jedem Gegenstand einzuführen, ihn weniger abstrakt, phantasiereicher und kreativer machend, führen Schulen Computer mit den gegenteiligen Effekten ein. Wird noch der Gebrauch der Computer durch Kinder und Jugendliche zu Hause dazugezählt, erscheint das sich ergebende Bild als eine große Tragödie. Außer das Kindern von ihrer notwendigen Kindheit etwas weggenommen wird, fürchten wir, dass Computer eine Mentalität in diesen naiven Seelen bewirken könnten, dass Maschinen leistungsfähiger und vollkommener als Menschen seien und dass die Menschen nur unvollständige Maschinen sind. Es scheint uns, dass der Nationalsozialismus, der Stalinismus und der Maoismus Menschen wie Tiere behandelten. Was wird geschehen, wenn die neuen Generationen Menschen als Maschinen behandeln? Es dauerte durchaus eine lange Zeit, Klarheit darüber zu bekommen, dass Fernsehen für Kinder und Jugendliche in hohem Maße schädlich ist (wir haben dagegen sseit den mittleren Sechzigern gesprochen); wie lange wird es bei Computern dauern?

7. Schlussbetrachtungen

In diesem Aufsatz sind wir von einer phänomenologischen Betrachtung der Computer und deren Verwendung als Werkzeuge der Kunst ausgegangen. Wir denken, dass diese Herangehensweise in unserer Zeit absolut notwendig ist. Würde z.B. das Fernsehen mit dieser Methode untersucht, so würde man die Schlussfolgerung ziehen, dass Programme so sind, wie sie sind, wegen einer Notwendigkeit, die der Apparat schafft, und der äußeren und geistigen Passivität, die er dem Zuseher aufzwingt, das heißt, dass man sich keine Verbesserung der Programme und der schlechten Auswirkungen des Fernsehens erwarten sollte [10]. Mit dieser Herangehensweise sahen wir, dass Computer eine Art abstrakten Denkens erzwingen, die typisch für technisch-naturwissenschaftliche, aber nicht für künstlerische Aktivität ist. Wenn daher der Computer in der Kunst in irgendeiner anderen Anwendung als der von bloßer Speicherung von Texten, Bildern oder Tönen (eventuell mit gewisser Bearbeitung des Formats, aber nicht des Inhalts) verwendet wird, hat der Computer eine Tendenz, die künstlerische Tätigkeit und den künstlerischen Ausdruck zu verzerren; in einigen Fällen ist es nicht einmal mehr möglich, das Resultat als eine "Kunst" zu bezeichnen, weil sie auf eine technisch-naturwissenschaftliche Aktivität zurückzuführen ist. Dennoch, selbst wenn der Computer in der Kunst als Instrument für bloße Speicherung und Kommunikation verwendet wird, ist es notwendig, die größere Gefahr zu beachten, dass Computer eine Illusion erzeugen, die "virtual reality" (könnte es denn nicht einen noch mehr widerspruchsvollen Ausdruck geben?), die sie darstellen, sei "besser" als das Betrachten der "reale Wirklichkeit" des Kunstwerkes. Wir halten diese Illusion für ein Zeichen einer verarmten künstlerischen Sensibilität.

Wir haben auch gesehen, dass die Erziehung technisch-naturwissenschaftlichen Denkens und Handelns, die für unsere Zeit typisch ist, dringend mit intensiver künstlerischer Erziehung ausgeglichen werden sollte, wie es die Waldorfpädagogik seit 1919 getan hat [2, 3]. Dieses ist großteils auf die Tatsache zurückzuführen, dass die künstlerischen und wissenschaftlichen Zugänge zum Wissen sich ergänzen, unterschiedliche reale und wesentliche Aspekte der Welt enthüllend.

Dennoch denken wir, dass zu diesen zwei pädagogischen Aspekten, die wir als grundlegende Polaritäten betrachten (dem Handeln und Denken, in dieser Reihenfolge, entsprechend), ein Drittes hinzugefügt werden sollte, ein Vermittelndes, das wir erst jüngst erworben haben und das dem Reich der Gefühle entspricht. Wir legen hier kurz diese Aktivität dar, die wir als Sozialerziehung bezeichnen. Sie hat drei Aspekte: erziehen zu sozialem Interesse und sozialer Sensibilität, zur Fähigkeit, Mitleid und "Mitfreude" zu fühlen, und zu sozialer Verantwortung und sozialem Handeln.

Soziale Sensibilität ist die Fähigkeit, die Bedürfnisse und geistigen Anlagen anderer Menschen wahrzunehmen. Sie ist intim mit dem sozialen Interesse für andere Menschen verbunden. Mitleid und "Mitfreude" sind die Fähigkeiten, das Leiden und die Freude anderer Personen zu fühlen. Soziale Verantwortung und soziales Handeln haben mit dem Impuls zu tun, auf eine soziale Art für das Wohl anderer Menschen zu handeln, und den Handlungen, die daraus entstehen. Wir nennen diese Fähigkeiten Sozialfähigkeiten.

Diese drei Gruppen sozialer Fähigkeiten sind jede aus einem Paar von Polaritäten zusammengesetzt. Das erste Element jedes Paars entspricht einer Haltung gegenüber dem Inneren einer Person und das andere einer Haltung gegenüber dem Äußeren. Daher ist die soziale Sensibilität eine Art der Wahrnehmung, d.h. etwas, das im Äußeren existiert, wird vom Inneren aufgenommen. Soziales Interesse erfordert ein sich nach außen Öffnen. Leiden ist ein Gefühl, dass eine Person dazu führt, sich abzuschließen, sich zusammenzuziehen, und Freude haben führt zum Öffnen und zur Erweiterung, gewisse Gefühle ausstrahlend. Im allgemeinen bevorzugen Menschen eher ihre Freuden mitzuteilen als ihre Leiden. Schließlich ist soziale Verantwortung ein inneres Gefühl und die soziale Tätigkeit etwas, das nach Außen getan wird.

Die künstlerische Erziehung führt eine Person dazu, ein ästhetisches Interesse für alles zu haben, was in seinem Äußeren ist. Sie führt auch zur künstlerischen Sensibilität. Wir erachten sie als notwendig für die Entwicklung des sozialen Interesses und der sozialen Sensibilität. Wissenschaftliche und technische Gesinnung schaden diesen zwei Fähigkeiten. Da diese eine Voraussetzung für die anderen beiden Gruppen darstellen, schreiben wir ihnen eine hohe Bedeutung in dieser Erziehung zu, welche nicht nur in der Schule, sondern auch zu Hause, gegeben werden sollte.

Jedoch denken wir, dass nur künstlerische Sensibilität nicht ausreicht, jene Sozialfähigkeiten zu entwickeln. Ein klassisches Beispiel war Hitler, der eine bestimmte künstlerische Sensibilität hatte, wenn auch erfüllt mit seiner typisch einseitigen Ansicht der Welt und seinem Autoritärismus. Der letztere führte zum Kampf gegen den Expressionismus, den er als "entartete Kunst" bezeichnete. Er hatte offenbar auch ein großes Maß sozialer Sensibilität, denn er wusste, wie er sich an das Deutsche Volk zu richten hatte, um es hypnotisch mitzureißen. Aber was er zweifellos nicht hatte, war das Mitleid, ansonst würde er nicht Dutzende Millionen Menschen geopfert haben. Ihm fehlte auch die soziale Verantwortung, wie er es durch die Tatsache demonstriert hat, dass er Handlungen setzte, Deutschland und sein Volk zu zerstören, als sie nicht fähig waren, den Krieg zu gewinnen, und daher nicht die "Überrasse" waren, die er sich eingebildet hatte [6].

Wir werden hier nicht unsere Vorschläge ausbreiten, die letzten beiden Gruppen sozialer Fähigkeiten durch Erziehung und Seltbsterziehung auszubilden, abgesehen von der künstlerischen Erziehung. Was zu unserem Thema wichtig ist, ist, dass, wenn in der "Erziehung" oder "Selbsterziehung" Computer eingesetzt werden, Computer genau das Gegenteil der gewünschten Wirkung der künstlerischen und sozialen Erziehung bewirken. Kollektiv- und Einzelleid hat sich im breiten Sinn ständig in der Welt vermehrt. Wir denken, dass nur eine Sozialerziehung zukünftige Erwachsene bilden kann, die sich für die soziale Frage interessieren, sie über ihren Egoismus stellen, den wir für eine der Ursachen der meisten unserer Übel halten. Schließlich sind soziale Probleme nicht bloß einfache technologische oder ökonomische Probleme - sie sind sehr komplizierte menschliche Probleme. Diese Probleme werden nicht durch Maschinen und noch weniger durch Computer gelöst. Im Gegenteil, ohne eine Änderung der Gesinnung betreffend ihren Einsatzes, verschlechtern Maschinen nur die derzeitige Situation des weltweiten sozial Unglücks. Wie wir dargestellt haben, geht diese Änderung der Gesinnung notwendigerweise durch eine künstlerische Erziehung und Selbst-Erziehung, aber ohne Computer.

Lassen Sie uns nachdrücklich betonen, dass dieser Gesinnungswandel einen absolut wesentlichen Punkt umfassen sollte. Der einseitige Rationalismus, der von Descartes eingeführt wurde, sollte mit dem Ausbilden von Gefühlen, hauptsächlich der menschlichen Wärme, bereichert werden - warum es nicht klar ausdrücken, durch selbstlose Liebe, die eine Synthese der drei Sozialfähigkeiten ist. Dazu sollte das Denken mit Gefühlen befruchtet werden, damit die Ansicht, die wir von der Welt und der Menschheit haben mehr menschlich und weniger maschinenhaft wird und Entscheidungen nicht mehr auf eine kalte inhumane, lediglich wissenschaftlich-technologische Weise getroffen werden. Es ist genau die Kunst, die uns helfen kann, diese neue Denkweise zu entwickeln, ein nicht-formales, nicht-mechanisches Denken, angereichert mit Gefühlen, ein "Lebendiges Denken".

Computer, die abstrakte Maschinen sind, haben zur Zunahme des kalten Rationalismus beigetragen, dieser Frucht eines "toten Denkens". Künstlerische Tätigkeit, die mit ihnen ausgeübt wird, bleibt in einem großen Ausmaß im Reich des Rationalismus (und Reduktionismus!), aber wenn die künstlerische Tätigkeit ohne Computer auf eine menschliche Weise ausgeübt wird, kann sie zu einem Pfad der Ganzheitlichkeit werden, eines harmonischen Verhältnisses zwischen Denken und Fühlen, eines lebendigen Denkens. Beachten Sie, dass wir hier nicht die Vorherrschaft von Gefühlen vertreten, sondern ein Gleichgewicht zwischen ihnen und der Ratio. Im Verbund mit den Sozialfähigkeiten, die wir beschrieben haben, können künstlerische Tätigkeiten ein wesentlicher Beitrag sein, um die gegenwärtigen Tendenz der Zunahme des individuellen und sozialen Elends in der Welt umzukehren. Eine Aufgabe, die Wissenschaft und Technologie alleine nicht bewältigen können - die jüngste Vergangenheit hat im Gegenteil gezeigt, dass auf sich selbst gestellt, und ohne Kunst und den beschrieben Sozialfähigkeiten praktiziert, sie dazu tendieren, die Situation zu verschlechtern. Wir hoffen, dass die Entwicklung der künstlerischen Sensibilität und der sozialen Fähigkeiten ein wesentlicher Schritt sein wird, der Technologie den richtigen Platz zuzuweisen - dem Dienst der Menschheit und nicht deren Zerstörung.

Referenzen

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[11] Plato. The Dialogues of Plato. Great Books of the Western World, Vol. 7. Tranls. B. Jowett. Chicago: Encyclopaedia Britannica, 1952.
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[14] Setzer, V.W. Computer in der Schule. Stuttgart: Freies Geistesleben, 1992.
[15] Setzer, V.W. Data, information, knowledge and competency. Verfügbar auf unserer Web-Seite.
[16] Setzer, V.W. and L.Monke. Computers in Education: Why, When, How. Erscheint Juli 2001 als Kapitel eines Buches über Computer und Pädagogik, ed. von R.Mufolletto in den USA. Verfügbar auf unserer Web-Seite.
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[18] Steiner, R. Die Philosophie der Freiheit (GA 4). Dornach: Verlag der Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung, 1962.
[19] Steiner, R. Das Künstlerische in seiner Weltmission (GA 276), 8 Vorträge, Kristiania (Oslo) und Dornach, 18.5 - 9.6, 1923. Dornach: Rudolf Steiner Verlag, 3. Auflage, 1982
[20] Steiner, R. Goethes Naturwissenschftliche Schriften (GA 1). Stttgart: Verlag Freies Geistesleben, 1962.
[21] Vaisse, P & P.Bianconi. Tout l'Oevre Peint de Grünewald. Paris: Flamarion, 1974.

Anhang

Natur und Kunst
Goethe
[5]
(Weimar/Jena, 1790-1805)

Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen
Und haben sich, eh' man es denkt, gefunden;
Der Widerwille ist auch mir entschwunden
Und beide scheinen mich anzuziehen.

Es gibt wohl nur ein redliches Bemühen!
Und wenn wir erst, in abgemessnen inneren Stunden,
Mit Geist und Fleiß uns an die Kunst gebunden
Mag frei Natur im Herzen wieder glühen.

So ist's mit aller Bildung auch beschaffen:
Vergebens werden ungebundne Geister
Nach der Vollendung reiner Höhe streben.

Wer Großes will, muss sich zusammenraffen:
In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister
Und das Gesetz nur kann uns Freiheit schaffen.


Danksagung: Wir danken einem anonymen Mitarbeiter für die Hilfe bei der Übersetzung sowie für inhaltliche Kommentare.
Revision der Übersetzung: V.W.Setzer.